25 November 2025

Sei 'die Philosophie' gestorben?

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I.

Stellen wir die Frage: Sei ‚die Philosophie‘ gestorben? Oder, wenn man die Thematisierung der Philosophie als ‚etwas Lebendiges‘ für unangenehm hält: Sei ‚die Philosophie‘ vorbei? Ist sie schon ‚am Ende‘ angekommen? Dieser Formulierung zufolge könnten wir auch anders fragen: Hat noch ‚die Philosophie‘ ihren Platz? Welchen Platz, denn? Schon: ihren Platz in unserer Gesellschaft. Wir halten an unsere Vorstellung der Philosophie ‚als Lebendigem‘ fest, und stellen nun eher die Frage, wie überhaupt die vorherigen Fragen sich stellen ließen. 

II.

Stellen wir deswegen eine andere Frage zur Erläuterung der Möglichkeiten unserer vorherigen Fragen: ‚Sind wir gestorben‘? Von welchem ‚Wir‘ ist hier die Rede? Im vorzüglichen Sinn des Gestorbenseins kann keineswegs von unserem Tod die Rede sein, insofern gerade das Wir der Frage sich auf das Wir der Beantwortenden bezieht beziehungsweise sich mit diesem identifiziert. Als Beantwortende leugnen wir im Moment des Antwortgebens die Möglichkeit jener Bejahung der Frage. Nur im weiteren Bedenken der Frage - und zwar in weiterem Bedenken im Sinn der Verleugnung des primären Sinns, im Hinblick auf die Transformation des Sinns der Frage in eine andere, bejahende, zwar abgeleitete, aber dennoch sinnvolle, Beantwortung der Frage -erweist sich die Frage als aufrichtig sinnvoll.

Die Notwendigkeit eines solchen Sonderwegs zur Beantwortung der Frage sagt nicht wenig über die Frage selbst und über uns aus. Insofern das unmittelbare Verweigern der Frage aufgrund einer vorzüglichen Sinnlosigkeit vollzog, enthüllt das Stellen der Fragen nicht die Notwendigkeit einer Verleugnung, sondern vielmehr die ständige Mehrdeutigkeit der Sprache selbst sowie die entdeckende Macht der Frage gerade als eine durch die Sprache totalitäre und absolute Herausforderung gegenüber den Befragten. Im Sinne jener Herausforderung zeigt sich die unmittelbare Ablehnung der Frage gerade nicht als bloße Verweigerung, sondern als die sich-selbst-verbergende Abwehr einer nicht-vorgegebenen (und daher feindlichen) Möglichkeit, nämlich der eines möglichen Andersseins und, insofern die Verleugnung der Frage leicht und unmittelbar vollzogen wurde, damit auch der unzulässigen Möglichkeit des eigenen Irrtumes und der eigenen Fehlerhaftigkeit.

Dass unsere Ablehnung sich als Abwehr erwies, erlaubt uns jedoch eine wesentliche Qualität der Frage gerade als bedrohende Bedrohung zu erkennen. Und gerade in der bedrohenden Bedrohung der Frage, in jenen Fällen, in denen Befragende und Beantwortende ein und derselbe sind, zeigt sich auch die Sprache in ihrer wahren Gestalt und äußerlichen Wirklichkeit. Wäre die Sprache eine von uns selbst als Individuen gestaltete, dann wäre schon die reine Möglichkeit ihrer Bedrohlichkeit widersinnig gewesen.

III.

Im Bedenken der ersten Frage, der Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie, dürfen wir uns also selbst fragen, ob ihr Sinn mit der zweiten Frage, der nach unserem eigenen Gestorbensein, vergleichbar sei. Bedenken wir daher wieder die erste Frage.

Wir fragten, ob die Philosophie gestorben sei. In diesem Fragen fragen wir uns selbst nicht nur nach irgendeinem beschreibenden Urteil über die gegenwärtige Philosophie, sondern vielmehr nach ihrem Leben selbst. Die Thematisierung der Philosophie als etwas Lebendigem und die Frage nicht nur nach irgendeiner Todeserklärung, sondern nach dem spezifischen Gestorbensein der Philosophie, ist eine Thematisierung der Philosophie als eines Seienden, das auf eine uns ähnliche Weise ist, nämlich geschichtlich. Sei die Philosophie gestorben, dann müsste sie wohl zunächst schon einmal gelebt haben. 
Diese Thematisierung, so mein Glauben, kommt uns nicht fremd vor. Wenn also die Fragestellung als bedrohend vorkommt, dann nicht wegen dieser Thematisierung. Bedroht aber uns die Fragestellung tatsächlich? Ist sie nicht, insofern wir uns als Philosophierenden begreifen, gerade eine Bedrohung derjenigen Art, die wir, verdeckt doch vorhanden, in unserer zweiten Frage entdeckten? 

Wir wählten nicht beliebig die Philosophie als etwas Lebendiges zu thematisieren, sondern weil dies wahrhaft die Seinsweise der Philosophie widerspiegelt, nämlich als sich-bildendes, bewegendes und geschichtliches Sein. Vor allem wählten wir es, weil die Philosophie von uns durch diese Thematisierung vom Philosophieren, und damit auch von den Philosophierenden selbst, nicht trennen lässt. Nur wer die Philosophie als selbstständiges Sujet (im doppelten Sinne) begreift, möge also die Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie auf eine solche Weise stellen, dass er von der Frage unberührt verbleiben kann. Wer aber die Frage auf diese Weise stellt, stellt in Wahrheit keine Frage, gerade weil er versucht, sich vom Betroffenwerden freizuhalten.

Was er damit keineswegs zu erlangen vermag, ist die aufrichtige Beantwortung beziehungsweise Auflösung der Frage, zu dem er sich eher als Flüchtende und Sich-Verbergende verhält. Wie wir in der Behandlung der zweiten Frage erfuhren, besteht die Macht der Frage in ihrer Äußerlichkeit, in ihrer Bedrohlichkeit und unsere Ohnmacht ihr gegenüber. Wer wahrhaftig eine Frage stellt und wer wahrhaftig das Ereignis dieser vollzieht, kann nicht unbetroffen bleiben. Wie jemand, der beim Fliehen aus Platos Höhle nie vermöge, die Sonne zu erblicken, weil er beim ersten Auftauchen ihrer Strahlen zurückkehrte, bleibt auch hier der sogenannte Unbetroffene in Wahrheit keineswegs unbetroffen. Seine Abkehr ähnelt dabei nicht die Idee einer aufrichtigen Verneinung, sondern eine panische Flucht vor dem möglichen Anderssein. Wer sich jedoch so in seiner Hülle verbergt, wird dadurch nicht vom Bedrohenden frei; vielmehr wird das Rätselhafte der Frage, die Äußerlichkeit der Sprache, zu einem Gespenst, das ihn bis zur seinem entweder erfolgten Aufstieg in die Offenbarung oder seinem Sturz in die Dunkle der Vergessenheit verfolgen wird. Unbetroffen bleibt aber niemand, solange sich in der Frage etwas von der Wahrheit hält.

IV.

Wir halten uns daher am Organismusgedanken, dass die Philosophie von sich aus als etwas Lebendiges, als Organismus, begriffen werden muss, und dass wir, indem wir uns als Philosophierende verstehen, wenn nicht den eigentlichen Vollzug der Philosophie vollziehen, so doch zumindest ihren Vollzug veranstalten, fest. Wir sind, in diesem Sinn, der Philosophie wesentlich und unzertrennlich zugehörig. Zugleich lässt sich deswegen auch nicht die Philosophie von uns trennen; ohne das Philosophieren der Philosophierenden gäbe es keine Philosophie. Wie aber die Zellen eines Leibes, so werden auch wir vergehen – der Körper aber wird weiterleben.

In einem gewissen Sinn begegnet uns nun eine Frage ähnlich dem Paradoxon des Schiffes des Theseus. Selbst wenn wir heutzutage ‚philosophieren‘, lässt sich fragen, ob unser Denken wirkliches Philosophieren ist, oder ob wir in die Verlegenheit gelangt sind. Lässt sich das Paradoxon dadurch beantworten, dass das Schiff des Theseus in erster Linie als funktionelle Bezeichnung gilt, würden wir uns vielleicht einer Lösung nähern. Denn ist nicht gerade für das Schiff des Theseus wesentlich, dass es immer noch ein Schiff sei? Anders gesagt: Hätte Theseus seinem Schiff in Stühle umbauen lassen, und begegnete uns dann ein Paradoxon der Stühle des Theseus, dann wäre im wesentlichen Sinne keine Rede mehr vom Schiff des Theseus sinnvoll gewesen. Könnte es sich mit der Philosophie nicht auf ähnliche Weise verhalten? 

Wenn, wie beim Hauptanteil der Vorhaben der Menschen, die Philosophie in die Welt des ‚Um-Zu‘ hineinpasst - so, dass sie getrieben wird, um etwas zu erledigen -, dann müsste dies dasselbe sein wie die von uns gesuchte ‚Funktion‘ (im Sinne einer funktionellen Bezeichnung) der Philosophie. Die Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie fördert also nichts weniger als das Unternehmen einer philosophiegeschichtlichen Aufklärung. Geradeso gilt es, über uns selbst hinauszudenken und nach dem wahren Grund der Philosophie bei den alten Griechen zu suchen. Würden wir uns selbst fragen, wäre jedoch dies nicht die Antwort auf die Frage nach dem geschichtlichen Grund der Philosophie überhaupt, sondern lediglich Ausdruck unserer eigenen Vorzüge – eine widersinnige Frage, insofern sie gerade dasjenige voraussetzt, was wir nun zu bedenken haben: Ob wir überhaupt philosophieren.