Erster Teil: Sei ‚die Philosophie‘ gestorben?
I.
Stellen wir die Frage: Sei ‚die Philosophie‘ gestorben? Oder, wenn man die Thematisierung der Philosophie als ‚etwas Lebendiges‘ für unangenehm hält: Sei ‚die Philosophie‘ vorbei? Ist sie schon ‚am Ende‘ angekommen? Dieser Formulierung zufolge könnten wir auch anders fragen: Hat noch ‚die Philosophie‘ ihren Platz? Welchen Platz, denn? Schon: ihren Platz in unserer Gesellschaft. Wir halten an unsere Vorstellung der Philosophie ‚als Lebendigem‘ fest, und stellen nun eher die Frage, wie überhaupt die vorherigen Fragen sich stellen ließen.
II.
Stellen wir deswegen eine andere Frage zur Erläuterung der Möglichkeiten unserer vorherigen Fragen: ‚Sind wir gestorben‘? Von welchem ‚Wir‘ ist hier die Rede? Im vorzüglichen Sinn des Gestorbenseins kann keineswegs von unserem Tod die Rede sein, insofern gerade das Wir der Frage sich auf das Wir der Beantwortenden bezieht beziehungsweise sich mit diesem identifiziert. Als Beantwortende leugnen wir im Moment des Antwortgebens die Möglichkeit jener Bejahung der Frage. Nur im weiteren Bedenken der Frage - und zwar in weiterem Bedenken im Sinn der Verleugnung des primären Sinns, im Hinblick auf die Transformation des Sinns der Frage in eine andere, bejahende, zwar abgeleitete, aber dennoch sinnvolle, Beantwortung der Frage -erweist sich die Frage als aufrichtig sinnvoll.
Die Notwendigkeit eines solchen Sonderwegs zur Beantwortung der Frage sagt nicht wenig über die Frage selbst und über uns aus. Insofern das unmittelbare Verweigern der Frage aufgrund einer vorzüglichen Sinnlosigkeit vollzog, enthüllt das Stellen der Fragen nicht die Notwendigkeit einer Verleugnung, sondern vielmehr die ständige Mehrdeutigkeit der Sprache selbst sowie die entdeckende Macht der Frage gerade als eine durch die Sprache totalitäre und absolute Herausforderung gegenüber den Befragten. Im Sinne jener Herausforderung zeigt sich die unmittelbare Ablehnung der Frage gerade nicht als bloße Verweigerung, sondern als die sich-selbst-verbergende Abwehr einer nicht-vorgegebenen (und daher feindlichen) Möglichkeit, nämlich der eines möglichen Andersseins und, insofern die Verleugnung der Frage leicht und unmittelbar vollzogen wurde, damit auch der unzulässigen Möglichkeit des eigenen Irrtumes und der eigenen Fehlerhaftigkeit.
Dass unsere Ablehnung sich als Abwehr erwies, erlaubt uns jedoch eine wesentliche Qualität der Frage gerade als bedrohende Bedrohung zu erkennen. Und gerade in der bedrohenden Bedrohung der Frage, in jenen Fällen, in denen Befragende und Beantwortende ein und derselbe sind, zeigt sich auch die Sprache in ihrer wahren Gestalt und äußerlichen Wirklichkeit. Wäre die Sprache eine von uns selbst als Individuen gestaltete, dann wäre schon die reine Möglichkeit ihrer Bedrohlichkeit widersinnig gewesen.
III.
Im Bedenken der ersten Frage, der Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie, dürfen wir uns also selbst fragen, ob ihr Sinn mit der zweiten Frage, der nach unserem eigenen Gestorbensein, vergleichbar sei. Bedenken wir daher wieder die erste Frage.
Wir fragten, ob die Philosophie gestorben sei. In diesem Fragen fragen wir uns selbst nicht nur nach irgendeinem beschreibenden Urteil über die gegenwärtige Philosophie, sondern vielmehr nach ihrem Leben selbst. Die Thematisierung der Philosophie als etwas Lebendigem und die Frage nicht nur nach irgendeiner Todeserklärung, sondern nach dem spezifischen Gestorbensein der Philosophie, ist eine Thematisierung der Philosophie als eines Seienden, das auf eine uns ähnliche Weise ist, nämlich geschichtlich. Sei die Philosophie gestorben, dann müsste sie wohl zunächst schon einmal gelebt haben.
Diese Thematisierung, so mein Glauben, kommt uns nicht fremd vor. Wenn also die Fragestellung als bedrohend vorkommt, dann nicht wegen dieser Thematisierung. Bedroht aber uns die Fragestellung tatsächlich? Ist sie nicht, insofern wir uns als Philosophierenden begreifen, gerade eine Bedrohung derjenigen Art, die wir, verdeckt doch vorhanden, in unserer zweiten Frage entdeckten?
Wir wählten nicht beliebig die Philosophie als etwas Lebendiges zu thematisieren, sondern weil dies wahrhaft die Seinsweise der Philosophie widerspiegelt, nämlich als sich-bildendes, bewegendes und geschichtliches Sein. Vor allem wählten wir es, weil die Philosophie von uns durch diese Thematisierung vom Philosophieren, und damit auch von den Philosophierenden selbst, nicht trennen lässt. Nur wer die Philosophie als selbstständiges Sujet (im doppelten Sinne) begreift, möge also die Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie auf eine solche Weise stellen, dass er von der Frage unberührt verbleiben kann. Wer aber die Frage auf diese Weise stellt, stellt in Wahrheit keine Frage, gerade weil er versucht, sich vom Betroffenwerden freizuhalten.
Was er damit keineswegs zu erlangen vermag, ist die aufrichtige Beantwortung beziehungsweise Auflösung der Frage, zu dem er sich eher als Flüchtende und Sich-Verbergende verhält. Wie wir in der Behandlung der zweiten Frage erfuhren, besteht die Macht der Frage in ihrer Äußerlichkeit, in ihrer Bedrohlichkeit und unsere Ohnmacht ihr gegenüber. Wer wahrhaftig eine Frage stellt und wer wahrhaftig das Ereignis dieser vollzieht, kann nicht unbetroffen bleiben. Wie jemand, der beim Fliehen aus Platos Höhle nie vermöge, die Sonne zu erblicken, weil er beim ersten Auftauchen ihrer Strahlen zurückkehrte, bleibt auch hier der sogenannte Unbetroffene in Wahrheit keineswegs unbetroffen. Seine Abkehr ähnelt dabei nicht die Idee einer aufrichtigen Verneinung, sondern eine panische Flucht vor dem möglichen Anderssein. Wer sich jedoch so in seiner Hülle verbergt, wird dadurch nicht vom Bedrohenden frei; vielmehr wird das Rätselhafte der Frage, die Äußerlichkeit der Sprache, zu einem Gespenst, das ihn bis zur seinem entweder erfolgten Aufstieg in die Offenbarung oder seinem Sturz in die Dunkle der Vergessenheit verfolgen wird. Unbetroffen bleibt aber niemand, solange sich in der Frage etwas von der Wahrheit hält.
IV.
Wir halten uns daher am Organismusgedanken, dass die Philosophie von sich aus als etwas Lebendiges, als Organismus, begriffen werden muss, und dass wir, indem wir uns als Philosophierende verstehen, wenn nicht den eigentlichen Vollzug der Philosophie vollziehen, so doch zumindest ihren Vollzug veranstalten, fest. Wir sind, in diesem Sinn, der Philosophie wesentlich und unzertrennlich zugehörig. Zugleich lässt sich deswegen auch nicht die Philosophie von uns trennen; ohne das Philosophieren der Philosophierenden gäbe es keine Philosophie. Wie aber die Zellen eines Leibes, so werden auch wir vergehen – der Körper aber wird weiterleben.
In einem gewissen Sinn begegnet uns nun eine Frage ähnlich dem Paradoxon des Schiffes des Theseus. Selbst wenn wir heutzutage ‚philosophieren‘, lässt sich fragen, ob unser Denken wirkliches Philosophieren ist, oder ob wir in die Verlegenheit gelangt sind. Lässt sich das Paradoxon dadurch beantworten, dass das Schiff des Theseus in erster Linie als funktionelle Bezeichnung gilt, würden wir uns vielleicht einer Lösung nähern. Denn ist nicht gerade für das Schiff des Theseus wesentlich, dass es immer noch ein Schiff sei? Anders gesagt: Hätte Theseus seinem Schiff in Stühle umbauen lassen, und begegnete uns dann ein Paradoxon der Stühle des Theseus, dann wäre im wesentlichen Sinne keine Rede mehr vom Schiff des Theseus sinnvoll gewesen. Könnte es sich mit der Philosophie nicht auf ähnliche Weise verhalten?
Wenn, wie beim Hauptanteil der Vorhaben der Menschen, die Philosophie in die Welt des ‚Um-Zu‘ hineinpasst - so, dass sie getrieben wird, um etwas zu erledigen -, dann müsste dies dasselbe sein wie die von uns gesuchte ‚Funktion‘ (im Sinne einer funktionellen Bezeichnung) der Philosophie. Die Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie fördert also nichts weniger als das Unternehmen einer philosophiegeschichtlichen Aufklärung. Geradeso gilt es, über uns selbst hinauszudenken und nach dem wahren Grund der Philosophie bei den alten Griechen zu suchen. Würden wir uns selbst fragen, wäre jedoch dies nicht die Antwort auf die Frage nach dem geschichtlichen Grund der Philosophie überhaupt, sondern lediglich Ausdruck unserer eigenen Vorzüge – eine widersinnige Frage, insofern sie gerade dasjenige voraussetzt, was wir nun zu bedenken haben: Ob wir überhaupt philosophieren.
Zweiter Teil: Der Grund der Philosophie
(Hertil vil jeg læse Vom Wesen des Grundes før jeg fortsætter ; det satte projektet på pause)
V.
Im vorherigen Teil fragten wir, ob die Philosophie gestorben sei, und betonten dabei, daß die Philosophie als lebendig bezeichnet werden darf und daß wir, in der Metapher des Organismus, als die Zellen ihres Leibes bezeichnet werden könnten. Daher meinten wir zu sagen, daß die Philosophie als dynamisch und veränderlich zu begreifen sei, daß aber dennoch eine Art Paradoxon vor uns stände: wie wussten wir, ob das, wobei wir mitmachten, in Wahrheit die Philosophie sei? Im Betroffenwerden der Frage, insofern die Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie als wahre Frage gilt, meinten wir zu betonen, daß die reine Möglichkeit eines solches Betroffenwerdens sich auf was Wesentliches hinweist, zwar daß der Gedanke der gestorbenen Philosophie gerade nicht als Undenkbares erscheint. Dabei hatte die Frage der gestorbenen Philosophie im ersten Sinne sich von der Frage unsere eigene Gestorbensein abgewichen, indem sich die Letztere erst nach weiterer Überlegung als mögliches Sinnhaftes erschien. Im zweiten Sinne aber schien eine größere Vereinbarung den zwei Fragen vorhanden zu sein, gerade indem, daß wir nicht nur von den Fragen als Betroffenen zu bezeichnen waren, sondern als Betroffenen im Sinne eines Bedrohens sind. Wer sich von der Frage der gestorbenen Philosophie weicht, ist gerade derjenige, der die Frage nicht ernstnimmt. Was Kierkegaard in seinem Begriff der Angst als eine Angst vor dem Sündenfall bezeichnete wiederholt sich also in jene Unwissenheit gegenüber der bedrohenden Frage: Erstgennomen verweist die Frage der gestorbenen Philosophie, als auch die Frage unserem eigenen Gestorbensein, auf die Möglichkeit eines erkennbaren Unerkannten, dessen scheinbare Nichtigkeit als möglicher Totaler Negation des bisher Verstandene gerade deswegen als Bedrohend erfahren wird. Besonders erschreckend ist aber vielleicht eben das Faktum die Antwort gebe sich nach unserem bloßen Fragen zu erkennen: So viel wissen wir jedoch über die sonst noch unerkannte Antwort.
Wir behaupten also, daß die Beantwortung der Frage bei uns selbst liege, und daß das Unbeantwortetlassen der Frage keine wahrhafte Verweigerung sei, vielmehr eine Flucht vor ihr. Dem Modell des Kierkegaardschen Angstbegriffs zufolge, insofern er wirklich mag zutreffend zu sein, können wir aber schon jetzt etwas Wesentliches über unsre Zukunft sagen: daß die Beantwortung der Frage uns keineswegs in irgendeine Form der Endgültigkeit führen wird. Die Annahme der Beantwortbarkeit der Frage ist daher nicht eine Annahme, die Frage müsse nie wieder gestellt werden. Beachten wir genauer die Annahme, daß die Antwort bei uns liege, so merken wir gerade das „uns“: Jedes solche zugrundeliegende „Wir“, als Fragende, würden wir erwarten stets die Frage erneut stellen zu müssen.
Allerdings ist die Antwort uns nicht vorhanden; sie muss entdeckt werden. Das Stellen einer solchen Frage setzt aber in irgendeinem Sinne eine ‚Form‘ ihrer eigenen Antwort im Voraus. Wir wählen hier nach dem sogenannten „Grund“ der Philosophie zu fragen, und verstehen daher ‚die Philosophie‘ gerade als Vollzug, als Tun, und ihren „Grund“ daher als eben den Grund dieses Tuns. Die erste Stufe unsrer Beantwortung der Frage nach dem Gestorbensein der Philosophie wird daher durch die Suche nach dem geschichtlichen Sein der Philosophie selbst erfolgen, und zwar durch die genauere Frage nach dem historischen Sinn der Philosophie. Insofern wir nämlich behaupten, selbst zu philosophieren, behaupten wir eine Art Gemeinsamkeit mit den anderen Philosophierenden. Als Grund unserer eigenen Suche nach dem Grund der Philosophie nehmen wir also die griechische Philosophie, indem wir behaupten, wenn jemand philosophiert haben sollte, dann die alten Griechen.
VI.
Aber bei welchem der Griechen sollen wir anfangen; wen von ihnen sollen wir fragen? Der Entschluss darf freilich nicht beliebig sein; „Aller Anfang ist Ende und alles Ende ist Anfang“. Im Entscheiden des einen vor dem anderen wird die Philosophie seinem Wesen mitbestimmt. Finge die Philosophie mit Homer an, so wären die Folgen hinsichtlich des reinen Möglichkeitsraum ihrer Zwecke, Ziele, Vorgehensweisen usw. ganz andere, als wenn die wahre Philosophie mit Pythagoras, Descartes oder sogar Heidegger begonnen hätte. Am wichtigsten ist aber, daß wir uns für entweder das eine oder das andere entscheiden müssen, daß diese Entscheidung unvermeidbar ist; die Entscheidung darf aber, wie betont, nicht beliebig sein. Die Frage besteht jedoch, ob nicht eine Art Rechtfertigung dieser Entscheidung bereits vorhanden sei, ob die Frage nicht in einem wesentlichen Sinne schon in Besitz eines immanenten Kriteriums sei. Ein Hinweis darauf ergibt sich darin, daß wir gerade in unseren jetzigen Vorgang nicht nur nach irgendeinem zufälligen Philosophen suchen, sondern daß unsere Suche im Kontext eines intentionellen Tuns ergriffen werden muss, und zwar so, daß wir nach einem Philosophen suchen, um ihn als Gesprächspartner anzunehmen. Die Philosophie, insofern wir sie jetzt betreiben, scheint uns in irgendeinem Sinne eine dialogische Form anzunehmen. Lässt sich aber eine solche philosophische „Dialogik“ im altgriechischen Denken finden, und wenn ja, wo?
Was in den Sinn kommt, ist wohl zuerst und zumeist Sokrates und die sokratischen Dialoge. Insbesondere denken wir hier an die Dialoge des Platons. Manche werden hier den Einwand einwenden mögen, Sokrates sei aber nicht der erste Philosoph gewesen. Nicht zufällig wird die Philosophiegeschichte jedoch lediglich in den vor- und nachsokratischen Epochen periodisiert – nicht, weil wir schon behaupten wollen, Platon und Sokrates haben was Außerordentliches getan, sondern weil, was immer Philosophie sein mag, ihr Wesen im Sokratischen zum Schein kommen muss. In der Tat lässt sich mindestens einem über den Unterschied zwischen dem vor-und nachsokratischen Denken sagen: Das Denken des Sokrates war sich selbst nicht nur als „Denken über das Denken“, sondern sich gerade als Philosophie bewusst.
Sokrates, in einem vorbildlichen Fall des antiken Zusammenfalles von ‚Form‘ und ‚Inhalt‘, bestimmt im Phaidros die Philosophie gerade als ein Streben; daher die φίλος der φιλοσοφία. Mag Solon der erste gewesen sein, der das Wort ‚Philosophie‘ genutzt habe, so doch im anderen Sinne als bei Sokrates. Im Schlusssegment des Phaidros wird zum einen die endlichen Schlüsse über ‚τέχνη‘ und ‚λόγων‘, zum anderen den vermeintlich vom Pythagoras stammende Unterscheidung der ‚σοφός‘ vor den ‚φιλοσοφία‘ . In einem fast adamischen Szene unterhalten sich Phaidros und Sokrates darüber, welche Name die eine Person ganz bestimmter Art geben sollen. Die negative Bewegung besteht erstens in der Abhebung vor der ποιητής, den λόγων συγγραφεύς und den (...)