Die Möglichkeit einer postmodernen Epoche widerspricht sich selbst; es kann eine solche gar nicht geben. Dennoch mögen manche glauben (oder sagen), die postmoderne Epoche sei entweder vorhanden, oder sei es in der Vergangenheit gewesen – so würden wir uns nun in einer „metamoderne Epoche“ befinden. Aber: Wir sind nie postmodern gewesen, noch werden wir es sein.
I.
Unser Vorhaben besteht weder in der Wiederholung der Arbeit des Hans Blumenberg noch in einer Kritik derselben. Vielmehr wollen wir uns den Großteil seiner Schlussfolgerungen zu eigen machen. Dazu gehört, und so werden wir anfangen, die wesentliche Einsicht, der Epochebegriff als solche gehöre selbst zur Neuzeit. Erst die Neuzeit hat sich selbst als Zeitepoche verstanden. Und gerade deswegen kommt mir die reine Idee einer postmodernen Epoche so komisch vor; erst wenn der Epochebegriff sich im wesentlichen Sinne von der Neuzeit und seinem Denken trennen ließe, wäre ein solcher Gedanke ein sinnvoller.
Im Epochenschema der Neuzeit, das welches die Zeit bzw. die Geschichte in drei Epochen, die Antike, das Mittelalter und die Neuzeit, gliedert, trägt das Mittelalter eine eigentümliche Funktion, nämlich die einer mittleren Epoche. Dies ist keine bedeutungslose Tautologie, sondern verweist, so mein Glaube, auf eine andere, tiefere Wahrheit, nämlich dass die spekulative postmoderne Epoche mehr mit dem Mittelalter als mit jeder anderen Epoche gemeinsam hat. Wie steht es also um das Mittlere des Mittelalters?
Die Postmoderne mag vielleicht diesen Epochenbegriff kritisieren, weil, und dies ist nicht unbedingt falsch, es mehre Kontinuitäten gäben, als wir in der Vergangenheit geschätzt haben. Die Frage nach dem Anfang bzw. dem Ende des Mittelalters ist uns auch deswegen entbehrlich, und Gleiches geht für ähnliche Feinheiten; ihnen ist jetzt weder zu bestreiten noch zuzustimmen. Es wird ausreichen, die reine Relationalität des Mittelalters, die sein wahres Wesen ausmacht, zu begreifen. So willkürlich die Eingliederung erscheinen mag, und so sehr man sie kritisieren kann, ist sie nicht deswegen beliebig. Die Epochen der Epochebegriff sind als Epochen eher in ihren funktionellen Qualitäten als in ihren Anfängen und Enden zu beurteilen. Zugleich sind wir aber gerade einem Verständnis die Funktion epochalen Anfängen und Enden bedürftig.
II.
Die Eingliederung der Zeit in ihren Epochen ist die Eingliederung einer vorhandenen Einheit, zwar die Zeit selbst. Aber nicht nur irgendeine Zeit, sondern gerade geschichtlicher Zeit. Die Epochen der Zeit sind in Wahrheit Epochen der Geschichten, so zwar, dass auch die Zeit in einem epochalen Sinne sich begreifen lässt, und zwar in epochaler und nicht-epochaler Zeit. Außer, natürlich, dass die Epoche als Epoche, das heißt als „Bruch“, ἐποχή, eine Veränderung merkt, und dass sie deswegen nicht im Sinne einer Zeit, die Epoche hat, und einer Zeit, die die Epoche fehlt, die Zeit einteilt, sondern die Zeit selbst als zeitliches vor und nach eingliedert – die Zeit sei in zwei Glieder zu verstehen, nämlich die der epochalen Zeit und die der vor-epochalen Zeit. Impliziert sei daher auch eine dritte, nach-epochale Zeit, wozu wir uns später wenden werden. Der Anfang epochaler Zeit ist selbst Epoche im Sinne eines Bruches. Was aber wurde gebrochen?
Als Markierung epochaler Zeit ist der Anfang epochaler Zeit im Grunde der Anfang der Geschichte selbst. Wo genau die Antike begonnen hat, ist weniger wichtig als die eigentliche Epoche bzw. der Bruch dieses Anfanges. Der Bruch, geschichtlich erfassen, ist aber kein bloßer Bruch, sondern ist ein Brechen – genauer: er ist das Einbrechen der Menschheit in die Zeit, wodurch die Menschheit die Zeit in Geschichte umwandelten, indem die Zeit als Geschichte nicht nur begriffen, sondern erst als erfassbar gefesselt geworden ist. Die Idee der Kontinuität und Ständigkeit der Zeit sowie all ihrer Abwandlungen ist erst durch das Entstehen der überlieferten Geschichte sichtbar geworden. Nicht zufällig beschäftigen sich, so Gadamer, die Philologie und die Historie, deren Aufgaben das Verstehen und die Vermittlung von damals und heute, von unserer Zugehörigkeit zur Überlieferung und, in einem abgeleiteten Sinne, von unserer Zugehörigkeit zur Zeit und zur Welt als solchen, mit Texten. Durch das Ereignis des Niederschreibens wandelt sich das Geschehen in die durch Schrift entfremdete Geschichte um, die in einer späteren Gegenwart vermittelt und verstanden werden muss.
Der Streit um den Anfang der Geschichte, bzw. um den Anfang der Antike oder sogar den einer vorantike Epoche, scheint mir deswegen im Grunde ein Streit um den Anfang des verständlichen Zeitraumes zu sein, was daher auch ein Streit um den Anfang unseren eigenen, „Jetzt“ ist, als auch wie er zu verstehen ist. Insofern die Aufgabe historischer Forschung die Vermittlung von damals und heute ist, sei sie deswegen immer auf das jeweilige Jetzt hingewiesen. So ist auch die Evolution der frühen Menschenarten, wie Homo Erectus, von den Menschenaffen nicht der Ort dieses Streites – vielmehr ist es eine Frage, inwiefern wir uns in unserem heutigen „Wir“ mit den Menschen der Vergangenheit verstehen können, und ob für diese Aufgabe eine rekonstruierte Sprache oder die reine Archäologie ausreichen kann. Wesentlich ist aber, dass etwas gegeben ist, womit wir uns heute gerade verstehen können. Daher ist auch zu erwarten, dass diejenigen, die zu einem sogenannten „flachen Ontologie“ geneigt sind, eher der Anfang früher zu platzieren wünschen als diejenigen, die glauben, die Menschheit unterscheide im wesentlichen Sinne von den anderen lebendigen Wesen. Und gerade darf es auch nicht merkwürdig vorkommen, wenn manche in einer Zeit, in der unsere Verbrennung von Kohle und fossile Brennstoffe scheint fast „Epochal“ zu sein, den Anfang der heutigen Menschheit mit der Entdeckung des Feuers identifizieren.
Es scheint mir offenbar keinen Grund zu geben, warum die Funktion vom Anfang der epochalen Zeit sich wesentlich von der Funktion interepochaler Anfänge unterscheiden sollte – denn im Grunde scheint diese Funktion sogar dem Anfang als solchem zugehörig zu sein. Insofern der Anfang immer Anfang etwas Endlichem sein muss (wie könnte ja etwas Unendliches überhaupt Anfang haben?), scheint mir dies gerade nicht zufällig, sondern notwendig zu sein. Man mag hier mit Recht an eine aufrichtige Einsicht der vorsokratischen Philosophen denken, und ich denke hier insbesondere an Parmenides und Heraklit, die in einem eigentümlichen Sinne scheinen den späteren christlichen Gedanke des verbum dei vorzugreifen, indem sie verstanden haben, dass, obwohl das Sein in Wahrheit eins ist, die menschliche Einsichtsfähigkeit jedoch begrenzt ist und so nur vermöge das Sein durch Unterscheidungen und Dichotomien (wie Tag und Nacht, Helle und Dunkel) zu verstehen – Unterscheidungen eines ursprünglichen Ganzen, das wir jedoch nur indirekt zu sehen vermögen. Wie die Frage, so die Hermeneutik, in Wahrheit die Antwort ihrer Untersuchung bestimmt, so trägt der Anfang im Allgemeinen eine ähnliche Funktion, zwar als Möglichkeitsbedingung der Sinngebung überhaupt, aber auch als Abgrenzung des Raums möglicher Sinngebungen.
III.
Wenden wir uns zur Frage nach dem Anfang der Antike zurück, die zugleich (zumindest laut der klassischen epochalen Einteilung der Moderne) als Anfang epochaler Zeit gilt, so steht weiterhin die Frage die Frage vor uns, wie sich der Anfang epochaler Zeit von dem der Antike unterscheidet.
Die Antwort scheint mir darin zu bestehen, dass der Anfang der Antike der Anfang von etwas Zu-Ende-Gehendem ist, währenddessen der Anfang epochaler, d.h. verständlich-geschichtlicher, Zeit der Anfang von etwas ist, das sein eigenes Ende weder denken noch verstehen vermag. Das heißt also, dass es zur Antike wesentlich gehört, dass sie nicht mehr vorhanden ist. Die Genauigkeiten dieses Endes sind uns weniger wichtig als das Endlichsein der Epoche als solcher, weil gerade dies die zweite Erläuterung war, die wir brauchten, um schließlich das Mittlere des Mittelalters zu verstehen.
Der Anfang der Antike ist der Anfang des Verständlichen; jedoch ging sie zu Ende. Was verlorengegangen ist, scheint mir weniger die Verständlichkeit als solche zu sein als vielmehr dasjenige, wodurch die Antike sich verständlich machte. War nun, so meine vorherige Behauptung, der Anfang verständlich-epochaler Zeit zumindest in einem gewissen Sinne mit der Entstehung von Schriften verbunden, so lässt sich das klassische Verständnis des Mittealtes leicht wiederholen: Das finstre Mittealter sei finster gewesen, weil es an Schriften bzw. Überlieferungen fehlte. Obwohl dieser sogenannte Mangel an Quellen im Frühmittelalter in den letzten Jahrzehnten bestritten geworden ist, beruhen diese Bestreitungen oftmals auf archäologischen Beweisformen, die es zur Zeit der Entstehung des modernen Epochenschemas nicht gab. Dass wir heute die Umwandlung von der Antike in dem Mittealter verstehen können, heißt nicht, der epochale Unterschied als solche muss geleugnet werden. Das Finstre ist ja gerade ein Loch - ein Loch des Unverständlichen in einer sonst verständlichen Zeit.
Damit nähern wir uns auch daran, einen Gedanken des Hans Blumenbergs zu wiederholen, und zwar den, dass zum Ende einer Epoche den Verlust der Sinngebung gehört – also dessen, wodurch etwas verständlich wird. Außer: Blumenbergs Bemühungen gingen um die Ähnlichkeiten der Enden der Antike und des Mittelalters, und nicht das Ende einer Epoche als solche. Wenn jedoch meine Charakterisierung der Bedeutung sowohl des Anfanges als auch des Endes einer Epoche zutritt, so können wir meiner Meinung nach mit Recht behaupten, die Symmetrie den Enden der Antike und des Mittelalters sei nicht willkürlich, sondern ein Kennzeichen epochale Enden als solcher. Wäre man dazu geneigt, die Sprache Heideggers mit der von Blumenberg zu vermischen, so könnte man sagen: Das Ende einer Epoche sei einen Fall ontotheologischer Umbesetzung.